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Weihnachtswissen/Politik/Vereinnahmung/1933-45

Aus ZUM-Unterrichten
Die Nationalsozialisten versuchten, Weihnachten für ihre politischen Ziele zu instrumentalisieren. Wie machten sie das? (Titelbild einer NS-Frauenzeitschrift vom Dezember 1943)

Wie wurde Weihnachten 1933-45 für die NS-Bevölkerungspolitik instrumentalisiert? (für Jhg. 10)

Autorin: Sabine Häcker[1]

Fragestellung

Die Nationalsozialisten brauchten für ihre politischen Ziele ein möglichst starkes Bevölkerungswachstum. Zum einen brauchten sie viele neue Soldaten für die gegenwärtige sowie zukünftige Kriegsführung, zum anderen musste der Staat den Tod von vielen Menschen verkraften können, um zukunftsfähig zu bleiben. Die NSDAP wollte die Deutschen dazu bringen, möglichst viele Kinder zu bekommen. Dazu hatte die Partei verschiedene Ideen. Neben dem Mutterkreuz, einer offiziellen Ehrung für Frauen mit vielen Kindern, finanziellen Anreizen und anderen Strategien war eine weiteres Vorgehen, die Mutterschaft auf eine völkische Art zu romantisieren und zu einer moralischen "Pflicht am Volk" zu erklären.

Wie wurde Weihnachten im Sinne einer völkischen Romantisierung und Pflicht von Mutterschaft umgedeutet?

Historische Quellen zur Analyse

Im Folgenden findet sich eine Sammlung von Quellen aus der NS-Zeit.

  • Analysiere die Quellen hinsichtlich der Frage: Wie wurde Weihnachten im Sinne einer völkischen Romantisierung und Pflicht von Mutterschaft umgedeutet?

Weihnachtslied: "Hohe Nacht der klaren Sterne" von Hans Baumann

Hohe Nacht der klaren Sterne,

die wie weite Brücken stehn,

über einer tiefen Ferne,

drüber unsere Herzen gehn.


Hohe Nacht mit großen Feuern,

die auf allen Bergen sind,

heut‘ muss sich die Erd‘ erneuern,

wie ein junggeboren Kind.


Mütter, euch sind alle Feuer,

alle Sterne aufgestellt;

Mütter, tief in euren Herzen

Schlägt das Herz der weiten Welt.

Dieses Lied des "HJ-Hauspoeten" Hans Baumann (1914-1988) war das bekannteste NS-Weihnachtslied. Es wurde in die Richtlinie für die Hitlerjugend, den NS-Lehrerbund, die SA und SS aufgenommen. Hans Baumann schrieb viele Lieder im Sinne des NS-Regimes. Weitere Informationen finden sich auf der Seite des "NW-Dokumentationszentrum der Stadt Köln u. a.: Jugend! Deutschland 1918-1945". https://jugend1918-1945.de/portal/jugend/thema.aspx?root=26636&id=4922

Weihnachtsgedicht: "Mütterweihnacht" von Thilo Scheller

Wie aus dem Schoß der Nacht zur Weihnachtszeit

Die junge Sonne hell in einen neuen Morgen steigt,

Wie aus dem alten Jahr, das müde sich zur Erde neigt,

Ein junges Jahr entsteht im Strom der Ewigkeit,

So steigt aus jeder Mutter dunklem Schoß

In ihrem Kind das neue Volk ans Licht.

Noch liegt es klein in seiner Wiege, klein und schlicht,

doch einmal wird in ihm das Schicksal wach und groß.

So sehen wir in der Weihenacht auf Erden

Die Mütter hell im Glanz der Sterne und der Kerzen stehn,

Sie mussten still durch Nacht und Not und Schmerzen gehen,

auf dass dem Volk von Morgen Mütter und Soldaten werden.

Das Gedicht ist von dem nationalsozialistischen Dichter Thilo Scheller und erschien 1943 in einem nationalsozialistischen Weihnachtsratgeber: Karl-Heinz Bolay (Hrsg.): Deutsche Weihnachten - Ein Wegweiser für Gemeinschaft und Familie. 1943, S. 129.

Weihnachtskanon: "Weihnacht"

Warm und heimlich blühn die Lichter, die der Seele Ahnen sind.

Ruhig schwingt das Rad des Lebens: Jede Mutter hält ihr Kind.

Erklärung: Das Hakenkreuz wurde zum Rad des Lebens umgedeutet (auf dem Bild oben, neben dem Inhaltsverzeichnis, sieht du im Bildvordergrund eine Sonne, deren Strahlen an ein Hakenkreuz erinnern. Die Sonne steht für die Wintersonnenwende und die wurde als Symbol genutzt, dass das Leben ein Kreislauf ist - wie ein Rad: Leben entsteht und Leben vergeht. Mit dieser Methapher sollten die vielen Kriegstoten als Teil des "Rad des Lebens", des "natürlichen Kreislauf" gedeutet werden.) Text: Otto Schmidt, Musik: Gerhard Nowottny. Aus einem NS-Ratgeber: Karl-Heinz Bolay (Hrsg.): Deutsche Weihnachten - Ein Wegweiser für Gemeinschaft und Familie. 1943, S. 78.

Titelbild Februar 1944: "In ihrem Schoße ruht des Reiches Ewigkeit"

NS-Frauenzeitschrifttitelbild: "In ihrem Schoße ruht des Reiches Ewigkeit" 1944

Titelbild der NS-Frauenzeitschrift Frauen-Warte vom Februar 1944 - Das Bild kann mit dem Link geöffnet werden, ist aber auch rechts zu sehen!

NS-Frauen-Warte Februar 1944. Veröffentlicht in der digitalen Bibliothek Universität Heidelberg. Link: https://doi.org/10.11588/diglit.2780#0089 (Dieses Bild hat keinen Bezug zu Weihnachten, ist aber im Sinne der Fragestellung eine interessante ergänzende Quelle.)

NS-Frauenzeitschrifttitelbild: "Wintersonnenwende 1943"

Titelbild der NS-Frauenzeitschrift Frauen-Warte vom Dezember 1943 - Das Bild kann mit dem Link geöffnet werden, ist aber auch oben zu sehen!

NS-Frauen-Warte Dezember 1943. Veröffentlicht in der digitalen Bibliothek Universität Heidelberg. Link: https://doi.org/10.11588/diglit.2780#0053

Weihnachtsgedicht: "Mutternacht" von Thilo Scheller

In dieser Weihnacht, da aus dem Schoß des alten Jahres

Das neue Jahr mit Brache, Saat und Ernte quillt,

Erschauen wir in dunkler Winternacht ein klares,

Jahrtausendaltes, hold vertrautes Bild.


Es faltet eine Mutter schlicht im Schoß die Hände,

In jenem Schoß, der schmerzensreich ein Kind gebar.

Und in der tiefsten Dunkelheit der Winterwende

Fällt ihr ein Stern vom hohen Himmel in das Haar.


Aus Volkes Tiefen klingt dazu ein altes Wiegenlied,

Es greift das Kind frohlockend nach dem goldenen Sterne.

Die Mutter aber lächelt leis beglückt und sieht –

wie Mütter manchmal tun – in eine weite, weite Ferne.


Sie sieht zurück und Ahnen kommen hergegangen

Sie sieht voraus – auf ihrem Schoß das Kindlein lacht.

Das ist das Bild, das Maler malten, Dichter sangen –

Das Hohelied der heiligen deutschen Mutternacht.

Das Gedicht von Thilo Scheller, einem nationalsozialistischen Dichter, wurde im Dezember 1943 in der Zeitschrift Frauen-Warte veröffentlicht. (Die Rechtschreibung wurde der aktuell gültigen Norm angepasst; S. H.) Die NS-Zeitschrift wurde von der Digitalen Bibliothek Universität Heidelberg digitalisiert: https://doi.org/10.11588/diglit.2780#0054

Appell in Frauenzeitschrift 1944

"(...) Diesen Lebenskampf entscheiden die Frauen! Ihre Bereitschaft, dem Volk eine große Anzahl erbgesunder Kinder zu gebären, gibt die Antwort darauf, ob das Opfer der vielen Toten dieses Krieges sinnvoll oder umsonst war. Ein biologisches Versagen würde jeden noch so eindeutigen militärischen Sieg in kurzen Fristen zunichte machen. Bleiben wir aber durch den Willen tapferer Frauen ein wachsendes Volk, dann wird nichts mehr das Leben und die gesicherte Standfestigkeit unseres Volkes auf weiten Räumen mehr erschüttern können."
Ein Appell an die Frauen. Die NSDAP schrieb im Februar 1944, im 5. Kriegsjahr: "Diesen Lebenskampf entscheiden die Frauen!"

Text in der NS-Frauenzeitschrift Frauen-Warte Februar 1944. Veröffentlicht in der digitalen Bibliothek Universität Heidelberg. Link: https://doi.org/10.11588/diglit.2780#0089

Interpretation

  • Interpretation: Du hast nun die einzelnen Quellen analysiert. Trage deine Analyseergebnisse zusammen, erläutere und bewerte sie, so dass zu einer zusammenfassenden Gesamtaussage kommst, die die anfangs gestellte Frage beantwortet: Wie wurde Weihnachten im Sinne einer völkischen Romantisierung und Pflicht von Mutterschaft umgedeutet?

Statistik: Hatten die Nationalsozialisten Erfolg mit ihren Maßnahmen?

  • Stieg die Geburtenrate? Das kann in dieser Statistik nachgeschaut werden:

Eheschließungen und Geburten, 1900, 1905, 1910 und 1913-41, veröffentlicht in: German History in Documents and Images. Link: https://germanhistorydocs.org/de/deutschland-nationalsozialismus-1933-1945/ghdi:document-5206

Mit der Umdeutung der Weihnacht ging die Mehrheit der deutschen Gesellschaft nicht mit, zu tief war das traditionelle Verständnis von Weihnachten verankert.

Weiterarbeit: Bevölkerungswachstum als polit. Ziel heute

  • Wie sieht es heute mit Bevölkerungspolitik aus? Gibt es Maßnahmen? Welche Staaten unternehmen welche Maßnahmen?

Beispiele:

  • Lisa Mahnke berichtet am 14.12.2024 in der Frankfurter Rundschau von verschiedenen Maßnahmen, die in Russland diskutiert werden.
  • Tim Kanning schrieb am 08.03.2025 in der FAZ unter der Überschrift "12.000 Euro für ein Mitarbeiter-Baby", dass einige japanische Unternehmen die Elternschaft mit hohen Zulagen belohnen.
  • Im April 2025 lässt die türkische Regierung den gewünschten Kaiserschnitt in Privatkliniken verbieten, weil Frauen nach einer vaginalen Geburt schneller wieder schwanger werden können. (DLF: Verbot von Kaiserschnitten in Privatkliniken - nur noch in Notfällen; am 21.04.2025) https://www.deutschlandfunk.de/verbot-von-kaiserschnitten-in-privatkliniken-nur-noch-in-notfaellen-102.html
  • In China werden seit dem 01.01.2026 13 % Umsatzsteuer auf Kondome und andere Verhütungsmittel erhoben, vorher waren sie steuerfrei und also günstiger. Gleichzeitig werden Steuererleichtungen für Kinderbetreuung angeboten. Die FAZ berichtete am 18.01.2026 darüber: https://www.instagram.com/p/DTqEMnwErz2/ (Video, 1 min)

Weitere Quellen und Infos zum Thema NS-Bevölkerungspolitik

  • Hitlers geheime Überlegungen, wie nach dem Krieg das Bevölkerungswachstum angekurbelt werden kann

Martin Bormanns Vermerk über die „Sicherung der Zukunft des deutschen Volkes“ (29. Januar 1944), veröffentlicht in: German History in Documents and Images. https://germanhistorydocs.org/de/deutschland-nationalsozialismus-1933-1945/ghdi:document-1562

  • Die Nationalsozialisten verboten deutschen Frauen die Abtreibung

„Eine Schwangerschaft darf nicht unterbrochen werden!“ (1933); veröffentlicht in: German History in Documents and Images. https://germanhistorydocs.org/de/deutschland-nationalsozialismus-1933-1945/ghdi:image-2048

  • Das NS–Regime machte sich Gedanken darüber, dass die anstrengende Arbeit der Landfrauen deren Fruchtbarkeit beeinträchtigt

Die überlastete Landfrau (1934); veröffentlicht in: German History in Documents and Images. https://germanhistorydocs.org/de/deutschland-nationalsozialismus-1933-1945/ghdi:document-5118

  • Die Frauen-Warte vermittelten den Frauen, dass der Krieg nur sinnvoll gewesen sein wird, wenn sie bereit sind, Kinder zu gebären

NS–Frauen-Warte Heft 6, Februar 1944; S. 72 „Ein Lebenskampf, den die Frauen entscheiden“. Interessant ebenfalls: Das Gedicht „Vaterland“ auf S. 72 sowie auf S. 73 das Gedicht „Eine Mutter“. https://doi.org/10.11588/diglit.2780#0089

Informationen zur Frauenzeitschrift NS–Frauen-Warte der NSDAP, aus der einige der hier eingestellten Bilder und Texte stammen: NS-Frauen-Warte: Die einzige parteiamtliche Frauenzeitschrift (April 1940), veröffentlicht in: German History in Documents and Images. https://germanhistorydocs.org/de/deutschland-nationalsozialismus-1933-1945/ghdi:image-2039

  • Quellen und Infos zum Thema Mutterkreuz

Literatur

  • Sabine Häcker: Wem gehört Weihnachten? - Brauchtum, Glaube und Politik. (Nov. 2025) -> Das Buch beschreibt und analysiert, wie Weihnachten in der NS-Zeit instrumentalisiert wurde.

Hinweis zum Anliegen der geschlechtergerechten Sprache: Es wird die generische Variante in ihrer genderneutralen Definition verwendet. Das grammatikalische Geschlecht von Sprache ist dabei keinesfalls mit dem biologischen oder sozialen Geschlecht von Menschen gleichzusetzen!

  1. Sabine Häcker ist Fachleiterin in Bremen und hat zwei Bücher zu den religiösen und kulturellen Hintergründen von Weihnachten geschrieben: https://shop.tredition.com/search/U2FiaW5lIEjDpGNrZXI= Zu ihren Intentionen: https://shop.tredition.com/author/sabine-h%C3%A4cker