Benutzerin:Sabine Häcker/Weihnachtswissen/Traditionen/Weihnachtsferien
Weshalb gibt es Ferien nach Weihnachten? (für Jhg. 5/6, 45 min)
Autorin: Sabine Häcker
▶ BITTE BEACHTEN: Dieses Material baut auf dem Wissen des Unterrichtsmaterials Warum ist Weihnachten das größte Fest im Jahreslauf? auf - deswegen dieses bitte zuvor erarbeiten! -> Benutzer:Sabine Häcker/Weihnachtswissen/Warum ist Weihnachten das größte Fest im Jahreslauf?
Als die Schule (und die Schulferien) vor ungefähr 300 Jahren entstand, richtete man sich nach der Arbeit der Bauern: Wenn in der Landwirtschaft besonders viel zu tun war, bekamen die Kinder frei, um auf dem Feld zu helfen.
Im Frühling mussten sie bei der Aussaat helfen, im Sommer bei der Getreideernte und im Herbst bei der Kartoffelernte.
Aber warum hatten die Kinder in der Zeit nach Weihnachten frei? Sogar zwei Wochen? In dieser Zeit gab es bei den Bauern sehr wenig zu tun: Die Ernte war längst verarbeitet, das Vieh geschlachtet und die Vorräte eingelagert. Und es war sowieso zu dunkel zum Arbeiten. Da hätten die Kinder eigentlich zur Schule gehen können, oder?
Und warum blieben die Kinder ausgerechnet nach Weihnachten zu Hause? Warum nicht vor Weihnachten? Oder eine Woche vorher und eine Woche nach dem Fest?
Wieso blieben die Kinder nach Weihnachten zu Hause? (Text)
Dass die Kinder nach Weihnachten zwei Wochen zu Hause blieben und die Weihnachtsferien in vielen Bundesländern (und in Österreich) genau bis zum 6. Januar dauern, hat mit einem füheren Aberglauben zu tun. Am 6. Januar gibt es einen christlichen Feiertag, "Heilige Drei Könige" heißt er. (Er soll an die Sterndeuter erinnern, die zur Geburt Jesu anreisten und ihm wertvolle Geschenke machten.) Dass die Ferien oft bis zu diesem Tag dauern, hat aber weniger mit der Kirche zu tun, sondern geht vor allem auf ein Arbeitsverbot aufgrund eines Aberglaubens in diesen 12 Tagen zurück.
Im frühen Mittelalter benutzte man nicht nur den Sonnenkalender, sondern auch noch den Mondkalender. Der Mondkalender ist allerdings 11 Tage (oder 12 Nächte) kürzer als das Sonnenjahr. Diesen Unterschied am Jahresende nannte man zwischen den Jahren. Die Zeit zwischen dem 25. Dezember und 6. Januar wird auch heute noch zwischen den Jahren genannt. Man nennt diese Zeit auch die Weihnachtszeit (das ist aber kein kirchlicher Begriff, denn im Kirchenkalender geht die Weihnachtszeit über den 6. Januar hinaus). Und früher, das war eine alte Tradition und kam aus der vorchristlichen Zeit, hat man diese Zeit auch die Raunächte genannt.
In den Raunächten hatten die Menschen besonders große Angst vor Krankheit und Unglück. Und sie dachten, dass in dieser dunklen Zeit dass Tor zur Geisterwelt besonders durchlässig ist, deshalb hatten sie in den Raunächten besonders große Angst vor bösen Geistern, Hexen und Gespenstern. Sie versuchten sie zu vertreiben, und zwar mit Krach, Beten, Ausräuchern und furchteinflößenden Masken. Sie glaubten auch an die Wilde Jagd und hatten so viel Angst davor, dass es ihnen schon beim Gedanken an die Wilde Jagd kalt den Rücken herunterlief. Die Wilde Jagd stellte man sich als ein riesiges Heer vor, das in den Raunächten am Himmel vorüber zog. Es gehörten Göttervater Wotan aus der nordischen Mythologie und seine Frau Perchta dazu, die Seelen von Verstorbenen und auch viele Tiere wie Eber und Pferde, und alle waren wild und gefährlich. Man kam ihnen besser nicht in die Quere. Und es durfte in den Raunächten nicht gewaschen werden, damit die Wilde Jagd sich auf keinen Fall in der Wäsche verfängt - das würde ein schreckliches Unglück im kommenden Jahr nach sich ziehen.
Überhaupt durfte man in dieser Zeit nicht arbeiten, die Perchta überwachte das. Sie kontrollierte sehr streng, dass vor den Raunächten alles vorbereitet wurde, damit in den Raunächten nicht gearbeitet werden musste.
Dieser Aberglauben passte gut dazu, dass das landwirtschaftliche Jahr beendet war und alle Menschen nun eine Arbeitspause verdient hatten (und man in der Dunkelheit sowieso nicht arbeiten konnte). Denn so etwas wie Urlaub gab es früher nicht. Die Raunächten waren deshalb eine Gelegenheit für die Mägde und Knechte, zu ihren Familie zu gehen. Ohne einen solchen Arbeitsglauben hätte es vermutlich keine freie Zeit gegeben, weder für die Mägde und Knechte noch für die Frauen.
Und weil es in den Raunächte gefährlich war, vor die Tür zu treten, und die Arbeit in diesen Tagen seit jeher (= schon immer) geruht hatte, blieben auch die Kinder zu Hause und gingen nicht zur Schule.
Im 19. Jahrhundert setzte sich das aufgeklärte Denken immer mehr durch. Die Menschen konnten sich die Welt immer besser mit Naturwissenschaften erklären konnten und deshalb verlor der Aberglauben an Bedeutung. Doch obwohl sie mehr an die Wilde Jagd glaubten, blieb es dabei, dass die Kinder nach Weihnachten zu Hause blieben - denn das war schließlich immer schon Tradition gewesen!
Bis heute ist die Zeit zwischen den Jahren eine Zeit der besonderen Ruhe, in der viele Menschen es sich zu Hause gemütlich machen.
Erarbeitung des Textes (Aufgabenangebote)
Begriffe klären im Gespräch
- Klärt diese Begriffe im Gespräch mit eurer Lehrerin:
Weihnachtszeit, Raunächte, Sonnenkalender, Mondkalender, zwischen den Jahren, vorchristliche Zeit, durchlässig, Aberglauben, die Wilde Jagd, nordische Mythologie, Wotan, Perchta, in die Quere kommen, das landwirtschaftliche Jahr, die Magd, der Knecht, die Arbeit ruht, das aufgeklärte Denken (-> Epoche der Aufklärung) und Naturwissenschaften.
Zeitstrahl an Tafel
- Macht an der Tafel gemeinsam mit eurer Lehrerin einen Zeitstrahl und tragt diese Epochen oder Ereignisse ein:
- vorchristliche Zeit, Beginn des Mittelalters (etwa 500 n. Chr.) -> Menschen haben Angst vor dunkler Jahreszeit -> viel Aberglaube, man "bastelt" sich Erklärungen für Naturphänomene
- Mittelalter (500-1500): -> Das Christentum verbreitet sich nach und nach, Menschen haben immer noch Angst vor dunkler Jahreszeit -> immer noch viel Aberglaube, verbindet sich mit Christentum
- Epoche der Aufklärung (Naturphänomene könnenwissenschaftlich erklärt werden, beginnt etwa um 1700) und Einfürhung der Schulpflicht - und Schulferien - in Preußen (ab 1717), dadurch setzt sich langsam ein aufgeklärtes, naturwissenschaftliches Denken durch, dass die Menschen vom Aberglauben befreit
- Im 19. Jahrhundert glauben immer weniger Menschen an Geister, Hexen und Gespenster -> doch die Ferien bleiben, weil es eine alte Tradition ist, in dieser Zeit die Arbeit ruhen zu lassen und es sich gemütlich zu machen.
Textarbeit
- Markiert und besprecht:
- Warum wird im Text der Ausdruck zwischen den Jahren erwähnt?
- Markiere mit orange: Was waren die Gründe, dass die Menschen in der Zeit nach Weihnachten eine Arbeitspause machten?
- Markiere mit gelb: Welche Informationen über den Aberglauben sind im Hinblick zur Beantwortung der Fragestellung "Warum gibt es nach Weihnachten Ferien?" wichtig?
Über Aberglauben reden
Auch heute sind manche Menschen noch abergläubisch. Oft ist die Vorstellung: Wenn ..., dann bringt das Unglück. Zum Beispiel:
◇ Wenn man seinen Geburtstag vorfeiert, bringt das Unglück.
◇ Wenn man die Kerzen auf dem Geburtstagskuchen nicht mit einem Atemzug ausbläst, bringt das Unglück.
◇ Wenn eine schwarze Katze über die Straße läuft, bringt das Unglück.
◇ Freitag, der 13. ist ein Pechtag.
- Kennt ihr weitere Beispiele?
- Glaubst du daran?
Frage der Stunde beantworten mit Spickzettel
- Erkläre mit Hilfe eines Spickzettels:
- Erkläre, warum es in der Zeit nach Weihnachten Schulferien gibt. Wie ist das entstanden und was hat das mit der Jahreszeit zu tun?
- Erkläre das entweder vor der Klasse oder in einem Audio, dass du dann an deine Lehrerin schickst. Du darfst dir einen Spickzettel als Hilfe machen, auf den du 5 Wörter schreibst und den du in der Hand halen kannst.
Begriffe klären (1)
Begriffe klären (2)
Testet euer Wissen!
Weiterarbeit: andere Kalendervarianten
Der weltliche Kalender ist in vielen Religionen nicht der Kalender, der in religiösen Gemeinschaften genutzt wird.
- Kennt ihr Beispiele?
Hinweise für Lehrerinnen und Lehrer
- Die Aufgaben sind als Angebot zu sehen - suchen Sie aus, was zu Ihrer Lerngruppe oder zu einzelnen Schüler/gruppen passt!
- Die Christianisierung des Raumes, der heute Deutschland genannt wird, begann im 8. Jahrhundert und ging bis zum 11. Jahrhundert. Die Angaben können nur vage sein, weil sie regional sehr unterschiedlich verlief bzw. durchgesetzt wurde. Die Strategie der Kirche, mit den vorhandenen Bräuchen und dem regionalen Volksglauben umzugehen, war in der Regel, ihn umzudeuten und für sich zu nutzen.
- Meiner Vermutung nach war der Brauch des Arbeitsverbots besonders für die Schwachen in der bäuerlichen Gesellschaft wichtig: Für die Mägde und Knechte, die in dieser Zeit nach Hause gehen konnten bzw. geisterabwehrend und ausgelassen durch die Straßen zogen, und ebenso für die Frauen. Arbeiten wie kochen, melken, spinnen oder Wäsche waschen kommen nie zu einem Ende, deswegen war ein eindeutiges Tabu hilfreich, damit auch sie Pause machen konnten. Es ist sicherlich kein Zufall, dass der einzige der vielen Aberglauben aus den Raunächten, der bis in unsere heutige Zeit bekannt ist, ausgerechnet das Waschverbot ist. (Melken war übrigens früher ein Frauenaufgabe, erst mit Erfindung der Melkmaschinen wurde das Melken auch von Männern übernommen.)
- Das Kirchenjahr beginnt am 1. Advent. In der katholischen Kirche geht die kirchliche Weihnachtszeit bis zum 1. Sonntag nach dem Heilige-Drei-Konige-Tag, endet als zwischen dem 7. bis 13. Januar. https://katholisch.de/artikel/4589-weihnachten-im-februar , der Beginn der Weihnachtsfestkreiszeit ist der 1. Advent. (Die Bezeichnung Weihnachtszeit vom 25.12.-06.01. bezieht sich deshalb die traditionelle, nicht die kirchliche Weihnachtszeit.) Früher blieb in den meisten Familien der Weihnachtsbaum bis zum 06.01. stehen, das ist allerdings im 21. Jhd. sehr viel flexibler geworden.
- Auch in anderen religiösen Gemeinschaften gibt es andere Kalendervarianten. Beispiele sind der Mondkalender, nach dem Muslime ihre Feiertage berechnen, der Julianische Kalender, nach dem viele orthodoxe Kirchen ihre Feiertage ausrichten (-> Weihnachtswissen/Datum/orthodox), der jüdische Kalender oder der Kirchenkalender der evangelischen und katholischen Kirchen. https://www.religionen-entdecken.de/lexikon/c/christlicher-kirchenkalender
- Die vielen nicht christlichen Traditionen, die mit Weihnachten verbunden sind, sind ein Beispiel dafür, dass Weihnachten sehr viel mehr ist als nur ein christlicher Feiertag. Und die vielen jahreszeitlich bedingten und weitere säkulare Traditionen machen Weihnachten zu einem inklusiven Fest, das auch von Menschen, die nicht oder anders gläubig sind, gefeiert werden kann!
Ziel dieser kleinen Sequenz
- Die Kinder können erklären, weshalb die Weihnachtsferien auf eine jahreszeitlich bedingte Tradition zurückgehen.
Literatur
- Sabine Häcker: Wem gehört Weihnachten? - Brauchtum, Glaube und Politik. 2025.
- Sabine Häcker: Wie wurde Weihnachten erfunden? - Die Bibel, die Kirche und der Geburtstag. 2025.
- In München u. a. wurde die Tradition eines Maskenlaufs vor einigen Jahren wiederbelebt: https://www.muenchen.de/veranstaltungen/weihnachten/krampuslauf-2025
Hinweis zum Anliegen der geschlechtergerechten Sprache: Es wird die generische Variante in ihrer genderneutralen Definition verwendet. Das grammatikalische Geschlecht von Sprache ist dabei keinesfalls mit dem biologischen oder sozialen Geschlecht von Menschen gleichzusetzen!
